Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Südthüringen

Bei Aggression kommt vieles zusammen

Dipl.-Psych. Juliane Anke ist Verkehrspsychologin und arbeitet an der Technischen Universität Dresden. Der ADFC hat mit ihr über Aggression im Straßenverkehr und das Zusammenspiel verschiedener auslösender Faktoren gesprochen.

Dipl.-Psych. Juliane Anke, Verkehrspsychologin an der TU Dresden
Dipl.-Psych. Juliane Anke, Verkehrspsychologin an der TU Dresden © Michael Kretzschmar

Die Stimmung im Straßenverkehr wird oft als aggressiv wahrgenommen, vor allem zwischen Menschen im Kfz und auf dem Rad. Warum ist das so?
Auf dem Fahrrad bin ich natürlich im Vergleich weitaus ungeschützter als im Auto. Deshalb fühlen sich kritische Situationen mit Autofahrer:innen, wie zu dichtes Überholen, für Radfahrer:innen maximal bedrohlich und provozierend an. Genau wie Autofahrer:innen verstoßen aber auch Radfahrer:innen gegen Regeln. Fahren sie z. B. plötzlich auf die Fahrbahn, kann auch das bei Autofahrer:innen zu Frust oder zu Aggression führen. 

Im Zusammenhang mit Aggression im Straßenverkehr hat die Forschung gezeigt, dass es nicht den einen Erklärungsfaktor gibt. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedener individueller, sozialer und infrastruktureller Aspekte. Verschiedene psychologische Mechanismen scheinen dabei im Straßenverkehr besonders wirksam zu sein.

Welche Mechanismen sind das?
Vier Aspekte sind besonders relevant: die Frustrations-Aggressions-Hypothese, die Aspekte Depersonalisierung und Anonymität, die Eigengruppen-Fremdgruppen-Dynamiken und die Attributionsfehler. 

Nach der Frustrations-Aggressions-Hypothese können blockierte Ziele, z. B. durch langsame Radfahrer:innen oder Stau, zu Frustration führen, die sich in Ärger und aggressivem Verhalten entladen kann. Sowohl  Autofahrer:innen als auch Radfahrer:innen erleben häufig, dass andere ihre Fortbewegung behindern, was als Provokation empfunden werden kann.

Auch Depersonalisierung und Anonymität im Verkehr können Aggression fördern. Das Fahrzeug schafft eine „Schutzzone“, die soziale Hemmungen abbauen kann. Die Anonymität im Straßenverkehr kann so die Schwelle für aggressives Verhalten senken, da andere Verkehrsteilnehmer:innen nicht als Individuen, sondern als „Hindernisse“ oder Vertreter:innen einer Gruppe wahrgenommen werden.

Zudem gibt es Eigengruppen-Fremdgruppen-Dynamiken: Auto- und Radfahrer:innen nehmen sich als unterschiedliche Gruppen wahr, betrachten sich vielleicht sogar als Gegner:innen im Sinne von „wir“ vs. „die“. Das kann zu negativen Stereotypen und einer stärkeren Bereitschaft führen, dem „Fremdgruppen“-Mitglied
feindselige Absichten zu unterstellen. 

Außerdem kann es zu Attributionsfehlern kommen: Regelverstöße oder Fehler der eigenen Gruppe werden dabei als situationsbedingt entschuldigt, die Fehler der anderen aber als allgemeine Gruppeneigenschaft betrachtet, z. B. „Radfahrende sind rücksichtslos“. Besonders die Tendenz, feindselige Absicht zu unterstellen, der sogenannte „hostile attribution bias“, kann das Aggressionspotenzial verstärken.

Der Straßenverkehr ist genau geregelt, dennoch fahren Menschen zu schnell und nehmen keine Rücksicht. Provoziert das Aggression?

Bewusste Regelverstöße werden als besonders provozierend erlebt, weil sie als absichtliche Missachtung sozialer Normen interpretiert werden können. Die wahrgenommene Intention ist entscheidend: Werden Regelverstöße, wie zu schnelles Fahren und zu dichtes Überholen, als absichtlich erlebt, steigt die Wahrscheinlichkeit für Ärger und aggressive Reaktionen.

Zudem ist die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung groß. Studien zeigen, dass beide Gruppen eigene Regelverstöße unter- und die der anderen überschätzen können. Während eine Mehrheit der Autofahrer:
innen angibt, immer den Mindestabstand einzuhalten, zeigen Beobachtungen das Gegenteil. Radfahrer:innen berichten von hoher Regelkonformität, werden aber häufig beim Fahren auf Gehwegen oder bei Rotlichtverstößen beobachtet. Strikte Regeln allein verhindern Aggressionen nicht, da psychologische Prozesse wie Attribution, also Ursachenzuschreibung, Gruppendynamik und emotionale Erregung stärker wirken als formale Vorschriften.

Wie lassen sich Konflikte zwischen den unterschiedlichen Verkehrs teilnehmer:innen dann vermeiden oder zumindest entschärfen?

Studien zum Thema empfehlen eine Kombination unterschied licher Maßnahmen. Ein Aspekt ist Empathieförderung und Perspektivwechsel: Programme, bei denen Autofahrer:innen selbst Rad fahren und umgekehrt, fördern Verständnis für die Perspektive der anderen Gruppe und reduzieren negative Stereotype.

Prosoziales Verhalten, wie Rücksichtnahme und Abstandhalten, wird am stärksten durch die Wahrnehmung gefördert, dass dies die soziale Norm ist. Kampagnen, die positives Verhalten sichtbar machen, sind daher besonders sinnvoll. Klare Kommunikation, wie Handzeichen oder Blickkontakt, kann helfen, Missverständnisse und Konflikte zu reduzieren. Auch Bildung ist wichtig, denn Aufklärung über die Folgen von Ärger und Aggression sowie Trainings zu emotionaler Selbstregulation durch Achtsamkeit, können dazu beitragen, das Verkehrsklima zu verbessern.

Wie kann die Verkehrsplanung die Situation der Radfahrenden verbessern?

Einzelne, bereits beschriebene Maßnahmen wirken am besten im Zusammenspiel mit einer entsprechenden Infrastruktur. Dabei gilt, je klarer und sicherer die Infrastruktur, desto weniger Konflikt- und Aggressionspotenzial entsteht zwischen allen Nutzer:innen. Dabei können baulich getrennte Radwege, Verkehrsberuhigung, getrennte Ampelphasen und eindeutige Markierungen helfen.

Was können Radfahrende selbst dazu beitragen, ihre Situation zu verbessern?

Radfahrer:innen können durch ihr Verhalten zur eigenen Sicherheit und zur Reduzierung von Konflikten beitragen. Mehrheitlich tun sie dies auch schon. Vorhersehbares, regelkonformes Verhalten kann helfen, negative Stereotype abzubauen und Respekt zu fördern. Sichtbarkeit und klare Signalisierung verringern Missverständnisse, z. B. Licht, reflektierende Kleidung und Handzeichen. Defensives Fahren und Abstandhalten vermeidet riskante Situationen und signalisiert Verantwortungsbewusstsein. Das Nutzen vorhandener Infrastruktur entspricht den Erwartungen der Autofahrer:innen. Das allerdings setzt natürlich eine gute Instandhaltung und Qualität der Infrastruktur voraus. Auf Deeskalation zu setzen – auch wenn es manchmal schwer fällt – und provozierendes Verhalten zu vermeiden, kann Situationen entspannen.

Wer als Radfahrer:in sichtbar, berechenbar und rücksichtsvoll agiert, beeinflusst das Verhalten der Autofahrer:innen positiv und trägt aktiv zu einer Verbesserung der Situation bei. Es ist auch hilfreich, insgesamt für das Radfahren zu werben, denn Autofahrer:innen, die zugleich die Perspektive auf dem Rad kennen, fällt es leichter, sich in Radfahrende hineinzuversetzen.


https://suedthueringen.adfc.de/neuigkeit/bei-aggression-kommt-vieles-zusammen

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